Sonntag, 14. November 2010

Nostalgischer Wirtshausbesuch oder am sechsten Tag sollst du in die «Tanne» gehen

Vor ein paar Wochen fiel mir plötzlich wieder die Tanne in Schaffhausen ein. In der Zeit zwischen 1985 und 1987 verkehrte ich regelmässig über Mittag und nach der Arbeit dort. Ich liebte das Restaurant über alles, Max und Margrit Zimmermann, die Besitzer und Gastgeber, die Gäste, das Ambiente, die damals schon stillgestandene Zeit in der dunkel getäferten Gaststube. Herr Zimmermann war meist hinter dem Tresen, schenkte mit einem Lächeln im Gesicht Wein in die Karaffen, spülte Geschirr, während die wortkarge, aber stets freundliche, liebenswerte und korrekte Frl. Zimmermann die Gäste bewirtete. Ja, sie liess sich Frl. Zimmermann nennen.
An gewissen Tagen servierte Frl. Zimmermann Koteletts zum Mittagessen (die Tanne war schon damals kein Speiselokal (mehr?)). Ich liess mir wohl keines entgehen. Nicht weil Kotelett mein Lieblingsmenu wäre, aber die Ambiance und die Ruhe der geschichtsträchtigen Wände taten mir als Kontrast zum oft hektischen Arbeitstag gut.

Später spazierte ich als nicht Einheimische öfters wehmütig an der Tanne vorbei. Die Tür war zu, kein Licht, das aus den Fenstern gestrahlt hätte. Ich dachte, die Besitzer seien gestorben und das altehrwürdigem Gebäude zum Spekulationsobjekt geworden.

Letzten Samstag war ich nach über 20 Jahren wieder einmal in der Tanne. Übers Internet und alteingesessene Schaffhauser hatte ich erfahren, Frl. Zimmermann öffnet auf Begehren der Stammgäste seit einiger Zeit die Gaststube zwischen zehn und zwölf vormittags.

Ich öffnete die Eingangstüre mit vor Spannung und Freude zitternden Händen, dann die Tür zur Weinstube. Draussen strahlendes November-Herbstwetter, drinnen gedämpftes Licht, die vertrauten dunklen Täferwände, muntere Gäste und ein Gewirr von Stimmen. Alles noch wie es mir in lebendiger Erinnerung war, das ganze Inventar am vertrauten Ort. Dann trat Frl. Zimmermann von der Küche her in die Gaststube. Mit ca. 92 Jahren etwas kleiner und zierlicher als ich sie im Gedächtnis hatte, doch noch immer mit derselben Ausstrahlung. Ich drückte ihr die Hand, vorsichtiger als ich es sonst tue. Sie kannte mich nicht mehr, begrüsste mich mit der gewohnten Freundlichkeit und der gebührenden Distanz, die ihr eigen ist.

Dieser Winter wird mich noch ein paar Mal samstags nach Schaffhausen führen, solang es noch möglich ist, ein Stück Zeitgeschichte in lebendiger Form zu finden... sie ist sehr rar geworden, diese Form!









1 Kommentar:

  1. gefällt mir sehr gut! ich liebe solche restaurants, solche wirtsleute. danke fürs teilen!

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