Mittwoch, 8. Dezember 2010

Reaktion auf Männig's Blog-Eintrag "On the Internet, nobody knows you’re a dog"

(http://maennig.de/notizen/nobody-knows/)

Ich kam 2007 mit Chats und schliesslich Social Web in Berührung. Damals war ich im Endspurt meines Studiums Soziale Arbeit. Mit dem PC und Mac seit 1985 auf Du und Du, war ich völlig fasziniert von dieser neuen Kommunikationsform, zumal ich am Schreiben meiner Bachelorarbeit war. Thema: "Sexuelle Ausbeutung an Jungen", ein Tabuthema. Ich suchte jede Gelegenheit, mich von der Bachelorarbeit und meinem Thema abzulenken und begann mich ziemlich exzessiv mit den diversen Formen der Social Media zu beschäftigen und schrieb entsprechend offen und auf Teufel komm raus. Natürlich wurde ich oft gefragt, was ich im Leben beruflich tue und ich erklärte mich entsprechend. So öffneten sich für mich unerwartet viele Menschen, Frauen wie Männer und beschrieben mir mehr oder weniger detailliert, in welcher Form sie Betroffene seien. Wie sich "männiglich" vorstellen kann, ist Sexuelle Ausbeutung folgenreich und wirkt sich entsprechend auf die Psyche aus.

Männig stellt folgende These auf:

"Die Quote von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Auffälligkeiten (»F-Diagnosen«) ist in den sozialen Netzen im Bereich des Internets auffällig höher als in der Gesamtbevölkerung."

Durch diese, etwas einseitige Themenbrille neigte ich zu der genannten, exzessiven Social-Web-Zeit dazu, Männigs These zu bestätigen und wurde immer neugieriger. Ich begann regelrechte "Gesellschaftsforschung"zu betreiben. Natürlich war ich laienhaft und sehr subjektiv. Die Dialoge zwischen den unterschiedlichsten Menschen und mir waren teils sehr intim. Beidseits wurde nicht dran gespart, das Innere nach aussen zu kehren und Bedürfnisse anzusprechen, obwohl oder weil man sich nie gesehen hatte. Damit lernte ich immer mehr, einen inneren Filter zu gebrauchen. Später spürte ich, wann und welche Kontakte, resp. welche Plattformen im Internet gut tun und welche ich besser bleiben lass. Alles eine Frage von Nähe - Distanz und von Toleranz. Ich hatte und habe gute und schlechte Erlebnisse mit Menschen, ob sie psychisch angeschlagen waren und sind oder mit beiden Beinen im Leben stehen. Und Hand aufs Herz: wer führt ein Leben ohne Krisen? Und wer hatte im Leben nie psychische Schwierigkeiten? Kommt die Frage dazu, ist Psychiatrie eine exakte Wissenschaft? Dienen F-Diagnosen nicht bestens dazu, Stigmatisierung zu fördern?

Doch zurück zu Männig's These. Ich gewann ebenfalls den Eindruck, dass ein Grossteil intensiver Nutzer von Social Medias, etwelche psychische Schwierigkeiten hat oder in einer Krise steckt. Nur wäre hier zu erforschen, wie gross ist der Anteil der Gesamtbevölkerung, die das Internet wenig nutzt und mit genau denselben Schwierigkeiten lebt.

Schliesslich die letzten Fragen: wie weit tut intensives Tummeln im Internet gut? Wie wirkt es sich auf die Psyche aus, mit hunderten oder gar tausenden über z.B. Twitter oder Facebook "befreundet" zu sein?


Ich freue mich über menschliche Kontakte und pflege diese (wenns auch "nur" verhältnismässig wenige sind), ob dies nun uralte Freundschaften und Bekanntschaften seien oder neuere, auch im Internet geknüpfte. Auch da stiess ich auf absolut tolle und spannende Menschen, der Austausch stimmt und die psychische Verfassung spielt dabei keine Grundsatzrolle.

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