Mittwoch, 17. August 2011

Beschrieb eines Arbeitsmorgens oder was auch Erfolg sein kann


Ein paar Worte im Voraus: Ich arbeite jeden morgen im Hause eines betagten Ehepaars, das ich schon seit meiner Jugend kenne. Bis vor wenigen Jahren waren beide tüchtige und erfolgreiche Geschäftsleute mit eigenem Laden. Er (ich werde ihn P. nennen) ist ein zufriedener Lebensgeniesser, dem der Schalk nicht abhanden kam. Sie (T.) ist hochgradig depressiv. Dies nach einem Hirnschlag vor drei Jahren. Danach folgten zwei Operationen unter Vollnarkose. Ab da begann sich ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig zu ändern. Ihre ursprüngliche Lebensfreude schwand. Es folgte ein Suizidversuch, danach drei lange Aufenthalte in der Psychiatrie, zwei davon mittels FFE. Die Mittel der Psychiatrie vermochten ihr nicht zu helfen. Sie wollte nach Hause. Ihre Familie hatte sich mittlerweile darum gekümmert, dass eine morgendliche Betreuung gewährleistet ist. So wurde sie anfangs Mai aus der Psychiatrie entlassen.

Letzten Montag hatte sie einen Glanztag. Sie arbeitete im Garten, machte Vorschläge und ging mit frisch gepflückten Zwetschgen und Feigen auf die Nachbarin zu. Beim Spaziergang erzählte sie mir von früher und zwar lauter spannende und lustige Begebenheiten. Sie war aufmerksam, stellte mir Fragen über mein Leben und marschierte dabei munter vor sich hin. Anschliessend scherzte sie beim gemeinsamen Kochen und war eine sprudelnde Energiequelle.

Ich habe seit Mai drei solche lichten Tage mit ihr erlebt und jedes mal war sie am Tag drauf nicht mehr aus dem Bett zu bringen. Komplett antriebs- und teilnahmslos lag sie wie ein Häufchen Elend da und war mit nichts zu nichts zu bewegen. Ein Zustand, der für alle Beteiligten sehr schwer zu ertragen ist. Vornehmlich für sie, denn mit dem Hirn registriert sie ihren Zustand haargenau.

17.8.11, 9.15 Uhr, Ankunft

P. steht draussen im Garten. Der VW-Kombi steht weit offen da. P. wartet, damit ich ihm helfe, sein E-Bike auszuladen. Der Wagen war in der Werkstatt, weil eine Fensterscheibe nur mit Klebband noch zu hielt. Das Klebeband war verwittert, so wollte er, dass der Garagist ein neues befestigt. Dieser erklärte, das ginge nicht, das gäbe Fr. 300.- Busse. Gut also Auslagen von Fr. 400.-, um das Fenster wieder richtig in die Angeln zu heben. Mittleres Drama, denn T. hat Angst, sie würden eines Tages verhungern. (Die Angst ist unbegründet, die beiden sind wohl betucht.)
Wie jeden morgen setzen wir uns kurz in der Küche hin weil P. will wissen will, was er einkaufen soll. P. fährt jeden Tag mit seinem E-Bike zum Denner und kauft Kleinigkeiten ein. Der Kühlschrank ist trotzdem immer leer, da ich diese Kleinigkeiten fürs Mittagessen verwerte. Mein Vorschlag, einmal gemeinsam zu einem Grosseinkauf zu fahren, fruchtete bisher nie. 
P. folgt mir zu T. ins Schlafzimmer fragt, ob sie wisse, was er noch einkaufen soll. Sie verneint, wie erwartet. P. zottelt ab, wie jeden morgen froh, an die Luft und auch unter Leute zu kommen.
T. teilt mir mit, sie wolle nicht aufstehen. Draussen wartet ein Prachtstag. Ich versuche ihr mit Worten, diesen schmackhaft zu machen. "Ich kann nicht" und "dann haben wir morgen wieder das gleiche Theater" ist das einzige, was T. antwortet. Immer wieder schliesst sie die Augen. Ich weiss, es geht ihr besser, ist sie erst einmal aufgestanden. Plötzlich öffnet sie die Augen schaut mich an und fragt mich "kannst du zaubern?". Ich sage manchmal, aber meist nicht, was ich denn zaubern solle. "Zaubere, dass ich davon fliegen kann!" Ich weiss genau, was sie mir vermitteln will, frage trotzdem nach, wohin sie denn fliegen wolle. "Ins All".
Nein, ich kann in diesem Falle nicht zaubern, ihr keinen Sterbewunsch erfüllen. Ich schlage ihr eine Nackenmassage vor, weil sie erzählt, sie sei total blockiert. Schon habe ich das Johannisöl in meinen Händen aufgewärmt, als das Telefon klingelt. T.'s Schwester ist dran, sie würde T. gerne entführen und macht sich Sorgen. T. will nicht ans Telefon. Ich schlage der Schwester vor, sie solle sich kurz vor Zwölf nochmals melden. Sie bittet mich inständig es zu schaffen, T. aus dem Bett zu holen. 
Zurück am Bett von T. massiere ich ihr Rücken und Nacken. Sie geniesst es, während ich ihr erzähle, was ihre Schwester vor habe. T. wehrt sich, mit ihr sei nichts anzufangen. Ich massiere weiter, still, leider kann ich T.'s Gesichtsausdruck dabei nicht beobachten. Als ich fertig bin, gespannt was nun passiert, packt T. ihre Decke und verkriecht sich tief ins Kissen, die Augen fest geschlossen. Über eine Stunde bin ich nun bei ihr am Bett. Ihre Energie saugt an mir, so entferne ich mich in die Küche. Dort kommt mir die Idee T.'s Schwester zum Mittagessen einzuladen und ruf sie an. Sie freut sich, wir sind uns einig, dass wohl weder T. noch P. etwas dagegen einzwenden hätte.

T. liegt im Bett, ok. das beelendet mich. Draussen ist es nicht mehr so nass, wie die Tage, also nichts wie raus, Rasenmäher packen und im Eiltempo das hohe Gras rund ums Haus mähen. Komplett verschwitzt kehre ich nach getaner Arbeit zu T. ans Bett zurück und fordere sie auf, aufzustehen und sich zu duschen. "Ich kann nicht", ihre Antwort. Ich kann sie nicht mehr hören und erzähle ihr, dass ihre Schwester zum Mittagessen kommt. Und da ich weiss, T. schämt sich im Nachthemd aufzutauchen, hilft dieser Trick schlussendlich. Mit Ach und Krach steht sie mit Hilfe der von mir gereichten Hände auf. Im Bad will sie wieder Richtung Schlafzimmer umkehren. Geht nicht, weil ich damit rechne, stehe ich ihr im Türrahmen im Weg. T. murmelt ein "du bist so gut" und packt tatsächlich ihr Frottétuch. 
11.20 Uhr. Ich eile in die Küche um mit den Kleinigkeiten ein vollständiges Menu zu kreieren. Punkt 12.00 muss das fertig sein, sonst gibts Druck. Es gab schon das ganze Leben lang um 12 Uhr mittags Essen, das muss man einfach wissen. Ich lasse die Küchentüre offen, um zu hören ob T. trotzdem wieder ins Bett schleicht. Nein sie hantiert oben etwas.
P. ist inzwischen heim gekehrt und liegt friedlich schlafend draussen auf der Terrasse vor der Küche.
Bald höre ich Stimmen draussen vor der Küchentür, T.'s Schwester ist früher angekommen und bringt Dessert mit. Sie verräumt ihn im Kühlschrank und beide setzen sich auf der Terrasse an den Tisch. Ich bringe den beiden einen Krug Hahnenburger, denn trinken ist ein Thema, das ich schon fast aufzwingen muss.

Schliesslich zu viert am Tisch, geniessen alle das Mittagessen, ein träges Gespräch kommt in Gang. T.'s Ausstrahlung wirkt wie ein Hemmklotz. Doch das Essen schmeckt, das zeigt Wirkung. Das Gespräch wird immer munterer. P. erklärt sein Nachmittagsprogramm, er wolle in die Bibliothek fahren, neuen Lesestoff besorgen. Ich schlage den beiden Schwestern eine gemeinsame Velotour vor, denn beide liebten und lieben diese Aktivität. Siehe da: T. schlägt ein. Innerlich schlage ich einen Purzelbaum vor Freude und fahre froh nach Hause, froh etwas Würde in den Tag einer depressiven Frau gebracht zu haben.

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