Freitag, 9. Dezember 2011

Leben - Eine Anthologie (letzte Folge)

Wie der Tod in die Welt kam
(Sage aus einem Gebiet nördlich des Äquators)

So ist es überliefert. Gott Soko erschuf zuerst die Schildkröte Dagbatschi, dann die Menschen und am Ende die Steine. Soko machte von jeder Art einen Mann und eine Frau; von Schildkröte, Mensch und Stein. Nacheinander, in dieser Reihenfolge, erweckte er sie zum Leben, nur die Steine nicht. Aber keiner konnte Kinder haben. Wer alt geworden war, den machte Soko wieder jung. Das wiederholte sich. Kinder waren nicht nötig.

Dagbatschi die Schildkröte ging zu Soko. "Ich könnte ein Kind brauchen", sagte Dagbatschi.
"Wozu willst du ein Kind haben?".
"Du weisst", antwortete Dagbatschi, "dass ich schlecht laufen kann. Es ist recht mühsam für mich und meine Frau. Aber manchmal haben wir Besorgungen zu machen. Ein Kind könnte die Botengänge übernehmen."
Soko dachte nach. "Ich habe nicht vorgesehen", antwortete er, "euch Kinder zu geben."
Dagbatschi ging nach Hause. Bald darauf stand er wieder vor Gott. "Es wäre schön, wenn wir ein Kind hätten", sagte er, "oder vielleicht mehrere. Das wäre sehr nützlich Gott."
Soko regte sich auf. "Warum kommst du angelaufen und willst Kinder haben?"
"Es wäre sehr praktisch, Gott. Sie könnten manches helfen, und wir wären nicht so allein. Wenn ich alt bin..."
"... wirst du wieder jung."
"Wenn ich alt bin, ehe ich wieder jung werde, kann ich kaum bis zur Wasserstelle gehen. Mir tun die Beine weh, weil mein Körper so schwer ist. Manchmal lieg ich stundenlang in der prallen Sonne und komme nicht vom Fleck. Es ist eine rechte Plage, das musst du zugeben. Gib mir ein paar Kinder Soko!"
Das Gesicht des Gottes war ernst, als er entgegnete: "Weisst du nicht Dagbatschi, dass alle Leute, die Kinder zur Welt bringen, sterben müssen? Früher oder später!"
Dagbatschi glotzte Soko an und nickte.
"Bist du bereit zu sterben, falls ich dir ein Kind schenke?"
"Wenn meine Frau schwanger ist, kannst du mich sterben lassen."
"Schick mir die Menschen!"
Der Mann und die Frau kamen. Soko räusperte sich. "Dagbatschi sagt, er will Kinder haben. Was ist mit euch?"
"Es wäre gut Kinder zu haben, Herr", antwortete die Frau. "Wenn mein Mann auf der Jagd ist, bin ich alleine zu Hause. Das Kind, wenn es ein Mädchen ist, könnte mir bei der Arbeit helfen. Ich wäre nicht so allein."
"Und wenn es ein Sohn ist", fügte der Mann hinzu, "könnte er mir auf der Jagd das Wild zutreiben und den Korb tragen. Wenn ich dann alt bin und meine Hände zittern, geht er für mich auf die Jagd. Es ist sehr praktisch, Kinder zu haben."
Soko fragte: "Seid ihr auch bereit, dafür zu sterben?"
"Ja" antworteten die Menschen.
Der Mann sagte: "Wenn wir erst Kinder haben, macht es mir nichts mehr aus."
Die Steine lagen am Boden und redeten kein Wort. Soko rief sie an: "Ihr schweigt? Wollt ihr auch Kinder haben und dann sterben?"
Aber das wollten die Steine auf keinen Fall. Da entschied Soko: "Es soll so sein, wie ihr es haben wollt!"
Dagbatschis Frau wurde schwanger, und drei Monate später starb er. Als sie ihre Kinder auf die Welt brachte, war er bereits tot. Auch die Menschenfrau wurde schwanger und gebar Kinder. Ihr Mann starb bald darauf. Sie nahm sich einen anderen Mann, denn sie konnte die Kinder nicht alleine ernähren.

Nur die Steine sterben nicht, und sie haben auch keine Kinder.

2 Kommentare:

  1. Kommentar-Zensur hier??
    Meiner ist weg.... :-(

    H.

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  2. Der war zwar sehr schön, hab Dank dafür, aber viel zu persönlich an dieser Stelle lieber H. Ich habe auch anderes gelöscht. Big Brother is watching you ;-)

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