Dienstag, 11. Oktober 2011

Leben - Eine Anthologie (Fortsetzung 1)


Das Karussell

Jardin du Luxembourg


Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.


Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.


Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.


Und dann und wann ein weißer Elefant.


Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -


Und dann und wann ein weißer Elefant.


Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel. . .

Rainer Maria Rilke


Schäl mich aus mir,
Schale um Schale,
bis zum Kern.
Dort bin ich gut und klar.
Schäl mich aus mir,
aus Verhärtungs-Jahresringen,
aus dunklen Schichten
Ungeduld und Nicht-Lieben-können.
Schäl mich wund
und klar aus der Tiefe,
mein Sein verlasse
die lauten Schichten Eitelkeit
und werde wahr.

Erica Engeler


Die Wirklichkeit

Kannst du schlafen, lächelnde noch immer?
Willst du an meiner Brust der Zeit entfliehen?
Siehst du nicht des Nachts im kalten Schimmer
Meereswellen voll von Toten ziehen?

Siehst du Feuer nicht vom Himmel regnen?
Leugnest du den Schrei gequälter Brust?
Mus dir tausendfach der Tod begegnen
Ehe du der Wirklichkeit bewusst?

Lass mich ruhen, Liebster, lass mich bleiben
Selber muss ich mit den Wellen treiben,
Selber muss ich brennen, kommt die Zeit.

Heute nur mit jedem meiner Sinne
werde ich tiefer deines Wesens inne.
Dieses ist die Wirklichkeit.

Marie-Luise Kaschnitz


Das Schöne nicht mehr alleine ertragen können
Einer im andern eine Lampe anzünden

Max Bolliger


Es lebt nur,
wer nicht sich alleine lebt

Meander


Das Leben ist ein Geschenk,
das wir verdienen,
indem wir es hingeben

R. Tagore

....... Weitere Fortsetzung folgt





1 Kommentar:

  1. Die Wirklichkeit von Marie-Luise Kaschnitz ist ganz große Kunst *___*

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