Donnerstag, 6. Oktober 2011

Leben - Eine Anthologie

Unsere Deutschlehrerin an der "Höheren Töchternschule" zu Frauenfeld, gab uns anno dazumal die Aufgabe, eine Anthologie zusammen zu stellen. Das Thema durften wir frei wählen, ich wählte "Leben". Einige Auflagen gabs, genau erinnere ich mich nicht mehr. Zwei bis drei Texte mussten selbst verfasst sein. Drei Monate hatten wir Zeit, die Aufgabe zu bewältigen. Ich erinnere mich gut, auf dem letzten Drücker arbeitete ich eine Nacht durch, mit einem Krug Kaffee in meinem Elternhaus. Ich war 19 Jahre alt.

Heute, über 31 Jahre später berührt mich das sorgfältig, mit Tusche handbeschriebene Büchlein. Bestimmt würde eine heute zusammengestellte Anthologie anders aussehen. Aber in den Grundzügen bliebe sie dieselbe. Diese Berührung teile ich nun, peu à peu. Anthologie bloggen nennt sich das:


Leben

zämegschtellti Gedicht und Tägscht

Februar 1980

Sabina



(Scanner ausgestiegen. Darum iPhone-Qualität)


Geniesse mässig Füll' und Segen,
Vernunft sei überall zugegen,
wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
das Künftige lebendig -
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Goethe (Vermächtnis)


Lebenslied

Den Erben lass verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau
Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau!
Die Toten, die entgleiten,
Die Wipfel in dem Weiten –
Ihm sind sie wie das Schreiten
Der Tänzerinnen wert!
Er geht wie den kein Walten
Vom Rücken her bedroht.
Er lächelt, wenn die Falten
Des Lebens flüstern: Tod!
Ihm bietet jede Stelle
Geheimnisvoll die Schwelle;
Es gibt sich jeder Welle
Der Heimatlose hin.
Der Schwarm von wilden Bienen
Nimmt seine Seele mit;
Das Singen von Delphinen
Beflügelt seinen Schritt: Ihn tragen alle Erden
Mit mächtigen Gebärden.
Der Flüsse Dunkelwerden
Begrenzt den Hirtentag!
Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau
Lass lächelnd ihn verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau:
Er lächelt der Gefährten. –
Die schwebend unbeschwerten
Abgründe und die Gärten
Des Lebens tragen ihn.

Hugo von Hoffmannsthal


Warum meine Tochter
weinst du in der Dunkelheit?
Ach sprich nicht mein Kind,
ich höre den Wind,
den Wind...

Warum meine Tochter
flüsterst du in der Dunkelheit?
Du sehnst dich, mein Kind
nach Freiheit, nach Freiheit
des Windes...

Warum meine Tochter
fürchtest du dich vor der Dunkelheit?
Du hoffst auf Liebe, mein Kind,
und bist allein, allein
wie der Wind...

Warum meine Tochter
bist du traurig und angsterfüllt?
Du, Du... Das Leben, das Leben...

Ohne Fragen, ohne Antworten
weht der Wind,
der Wind...

Paul Gisi: aus Isotope einer Sehnsucht


Fortsetzung folgt soon.

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